Proseminar: Der Schluss auf die beste Erklärung
Dr. Raphael Scholl
Es gilt als die grösste Verlegenheit der modernen Wissenschaftstheorie, dass noch immer keine allgemein akzeptierte Bestätigungstheorie vorliegt. Klar ist, dass wissenschaftliche Theorien auf der Grundlage der Erfahrung – der Beobachtung und des Experiments – akzeptiert oder zurückgewiesen werden. Aber wie genau die Verbindung zwischen Theorie und Realität aussieht, hat sich bislang einer erfolgreichen philosophischen Analyse entzogen.
Das heisst allerdings nicht, dass es keine aussichtsreichen Kandidaten für eine gangbare Bestätigungstheorie gibt. Ein wesentlicher Kandidat ist der so genannte "Schluss auf die beste Erklärung". Der Grundgedanke hierbei ist, dass Theorien akzeptiert werden, weil sie gute Erklärungen für die beobachteten Phänomene liefern. Die Ausarbeitung des Grundgedankens ist jedoch schwierig. Auf der einen Seite lauert die Gefahr der Trivialität. Falls eine "erklärende Theorie" das gleiche ist wie eine "bestätigte Theorie", dann sind wir wieder bei der Ausgangsfrage gelandet: Wie werden Theorien bestätigt? Damit der Schluss auf die beste Erklärung ernsthafte epistemische Arbeit leistet, muss Erklärungsstärke selbst als Hinweis auf Wahrheit dienen.
Auf der anderen Seite bietet der Erklärungsbegriff eine fast ebenso grosse philosophische Herausforderung wie die Bestätigung. Wenn wir also Bestätigung über Erklärung verstehen wollen, so laufen wir Gefahr, das Unverstandene mit dem Undurchsichtigen explizieren zu wollen. Es muss geklärt werden, was eine Erklärung ist; wie die Güte zweier Erklärungen verglichen werden kann; und weshalb Erklärungsstärke ein Hinweis auf Wahrheit sein soll. Aber damit nicht genug: Auch wenn diese Probleme gelöst werden können, ist noch zu klären, ob der Erkenntnisgewinn in den empirischen Wissenschaften tatsächlich über den Schluss auf die beste Erklärung verläuft.
Der Schluss auf die beste Erklärung ist zudem mit erheblichen Einwänden konfrontiert. Einige argumentieren, dass Schlüsse auf die beste Erklärung in inakzeptablem Mass unzuverlässig sind. Andere wiederum behaupten, dass der Schluss auf die beste Erklärung – angemessen ausgearbeitet – identisch ist mit anderen Bestätigungstheorien, und dass diese anderen Theorien deshalb die eigentliche Erkenntnisarbeit leisten. Das Proseminar orientiert über die wichtigsten Positionen und Argumente.
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