Seminar: Physiker in der Biologie des frühen 20. Jahrhunderts
Prof. Dr. Ulrich Krohs
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts griffen zahlreiche Physiker biowissenschaftliche, insbesondere genetische Fragestellungen auf oder wechselten ganz in die Biowissenschaften. Die heutige Molekularbiologie ist ohne diesen Einfluss kaum denkbar. Das Spektrum reicht von interessanten Versuchen der Analogisierung biologischer mit physikalischen Phänomenen (Niels Bohr) über konzeptuelle Vorarbeiten zum genetischen Code (Erwin Schrödinger) bis zu bedeutenden experimentellen Arbeiten (Max Delbrück) und der bahnbrechenden Aufstellung von Molekülstrukturen (Francis Crick, Maurice Wilkins).
In diesem Seminar werden wir einerseits die Beiträge der Physiker zur Biologie rekonstruieren, andererseits anhand von Originalarbeiten, Biographien und wissenschaftshistorischen Texten untersuchen, welche spezifische Bedeutung jeweils die Herkunft der Autoren aus der Physik auf ihren Forschungsansatz hatte. Dabei werden wir auch auf unterschiedliche Arten der Zusammenarbeit mit Biowissenschaftlern achten (z.B. Delbrück mit Luria; Crick und Wilkins mit Watson und Franklin). In Erweiterung des Zeithorizonts widmen wir uns auch den späten Beiträgen Walter Elsassers zum Begriff des Organismus und des Lebens.
Syllabus (pdf)
Literatur
Primärtexte:
Niels Bohr (1933): Light and Life. Nature 131, S. 421-423 und 457-459.
Erwin Schrödinger (1944): Auszüge aus: What is Life? The Physical Aspect of the Living Cell. In: ders.: What is Life? Cambridge University Press, 1992, S. 3-90.
Max Delbrück und die Phagen-Gruppe: Luria und Delbrück, in: Genetics 28, S. 491-511.
Francis Crick und der RNA Tie Club: freier Link zu den Originalarbeiten zur DNA-Struktur (Watson/Crick, Franklin/Gosling, Wilkins et al.) in Nature, 1953.
Walter M. Elsasser evtl:
Elsasser (1951): Quantum Mechanics, Amplifying Processes, and Living Matter, in: Philosophy of Science 18, 300-326.
Elsasser (1953): A Reformulation of Bergson's Theory of Memory, in: Philosophy of Science 20, 7-21.
Carl Friedrich von Weizsäcker evtl.:
Weizsäcker (1959): Sprache als Information, in: ders.: Die Einheit der Natur, München 1971, S. 39-60.
Weizsäcker (1969): Materie, Energie, Information, in: ders.: Die Einheit der Natur, München 1971, S. 342-366.
Historiographie:
Michel Morange: A History of Molecular Biology. Harvard University Press, 1998, (Auszüge).
frz. Original:
Michel Morange: Histoire de la biologie moléculaire. La Découverte/Poche, Paris 1994, (Auszüge).
Brenda Maddox: Rosalind Franklin: The Dark Lady of DNA. Harper/Collins 2002.
Auszug Maddox Kap. 10-13 (jetzt inkl. Endnoten).
Robert C. Olby: Francis Crick: A Hunter of Life's Secrets. Cold Spring Harbor Laboratory Press, 2009. Auszug Olby Kap. 7-10 (jetzt inkl. Endnoten).
Lily E. Kay: Das Buch des Lebens. Wer schrieb den genetischen Code? Hanser, 2000.
Ernst Peter Fischer: Das Atom der Biologen. Max Delbrück und der Ursprung der Molekulargenetik. Fischer, 1992.
Gino Segrè: Faust in Copenhagen – A Struggle for the Soul of Physics. Viking, 2007.
(Weitere Literatur wird im Seminar angegeben.)
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